„Best off“ Marcel Adam

Open-Air-Konzert im Innenhof des Aschingerhauses am Freitag, 27. Juli 2018

Zum dritten Mal zu Gast in Oberderdingen war am 27.07. 2018 der lothringische Liedermacher und Chansonnier Marcel Adam im Rahmen der Freitagskonzerte im Aschingerhaus.  Veranstalter waren das Kulturdreieck Oberderdingen zusammen mit der Gemeinde Oberderdingen. Marcel Adam hatte seine hochkarätigen Musikerkollegen Christian Conrad (Zupfinstrumente) und Christian Di Fantauzzi (Akkordeon, Saxofon) mitgebracht, um unter optimalen Bedingungen ein Open-Air-Konzert im fast fertiggestellten Innenhof des Aschingerhauses zu veranstalten. Das neue Künstleratelier im Hof wurde an diesem heißen Sommerabend von mehr als siebzig Besuchern zum ersten Mal als Erfrischungstheke in Besitz genommen. Die Gemeinde Oberderdingen als Mitveranstalter hatte durch den Bauhof die nötige Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Zum Schluss der Veranstaltung schaute dann noch der angesagte Blutmond im Innenhof des Aschingerhauses vorbei und rundete den schönen Sommerabend vollends ab.

Marcel Adam, seit 37 Jahren in Deutschland und Frankreich unterwegs, ist nicht nur ein exzellenter Musiker und Songschreiber, sondern auch ein witziger Entertainer, der immer wieder Anekdoten aus Begegnungen mit seinem Publikum oder witzige Bemerkungen über die schnelllebige Hektik, die die moderne Welt der digitalen Medien verbreitet, als Überleitung benutzt. Dabei ist für ihn der enge Kontakt mit dem Publikum im kleinen Rahmen sehr wichtig. Hier scheint ihn der direkte Blickkontakt mit seinen Zuhörern richtig zu beflügeln.  Marcel singt in drei Sprachen: lothringisch, deutsch und französisch. Drauf hat er natürlich Lieder, bei denen er das Publikum den Refrain mitsingen lässt. In „Die Mittwochnachmittage“, in dem zwei verschiedene Arten von Therapie aufeinandertreffen, müssen die Zuhörer fragen „Und du, was machst du denn jetzt?“. Das Besondere an den von ihm vorgetragenen Liedern besteht aber darin, dass sie die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle abdecken, von Sehnsucht über Freude bis zu Enttäuschung und Trauer.  Dazu gehört sein Lied im lothringischen Dialekt „s’Onna“, in dem er sich an seine Kindheit in Hambach (Lothringen) mit seiner Großmutter erinnert. Der aufkommenden Melancholie folgt das trotzige Lächeln von Marcel Adam, das dem Publikum dann wieder signalisiert, dass das Leben doch alles in allem schön ist. Ähnliche Stimmungslagen bieten die Titel „Liebe ist wie das Wasser“ oder „Auch das Schicksal und die Angst kommt über Nacht“, ursprünglich von Nena. Aus dem deutschsprachigen Raum brachte Marcel Adam u.a. Hannes Waders Lobeshymne auf gute Freunde („Gut wieder hier zu sein“), einen Song von Gitte Haenning („Ich will alles“) und Titel von „Element of Crime“ in Erinnerung. Marcel Adam singt an diesen Abend die bekannten Liebeslieder „Ohne mich“ und „Ein Hotdog unten am Hafen“, in denen Sven Regner von „Element of Crime“ auf einfühlsame („Ohne mich“) und witzig-freche („Ein Hotdog unten am Hafen“) Weise den Trennungsschmerz verarbeitete. In diesen Texten und Melodien, die Adam mit großer Gelassenheit und großer Authentizität vorträgt, vermittelt er die immense Spannweite der Gefühle, die das Lieben und das Leben ausmacht.  

Bei den französischen Liedern in seinem Programm dürfen die Großen des französischen Chansons natürlich nicht fehlen. Seinem Publikum gibt er derweil auf den Weg „Es gibt Lieder, die viel schöner sind, wenn man sie nicht versteht“. Dazu  gehören unter anderen Charles Aznavours „Emmenez-moi“, sein Sehnsuchtssong auf den Süden, wo Sonne und Liebe die Sorgen der Welt auflösen, Édith Piafs „ Tu me fais tourner la tête“, nach Marcel Adam, das schönste Liebeslied, das je von einer Frau geschrieben wurde - Liebeslieder seien ja eine Männerdomäne – und auch Jacques Brels „Dans le port d‘ Amsterdam“, eine Hymne auf die Lebenskraft der Seeleute im Amsterdamer Hafen. Traditionell klingt bei Marcel Adam der Abend mit Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ aus. Ein einfühlsamer Mutmacher-Text für den Nachhauseweg - von Dietrich Bonhoeffer aus seiner Gestapo-Haft 1944 kurz vor seiner Hinrichtung für seine Verlobte geschrieben – als Abschluss dieses bunten Straußes von Liedern und Chansons über die Wechselfälle der Liebe und des Lebens.                                       

Horst Immel             

 

 

 


Kabarett mit Philipp Lingenfelser und Matthias Berger im Aschingerhaus

Mit ihrem Kabarettprogramm „Einmal Mit, Einmal Ohne: Musikalische Satiren“ waren Philipp Lingenfelser und Matthias Berger im Rahmen der Freitagskonzerte des Kulturdreiecks am 08.06. 2018 im gut besuchten Aschingerhaus in Oberderdingen zu Gast. Der Titel lässt eine Zweiteilung, Gegensätze, Varianten des gleichen Themas erwarten. Und Gegensätze gibt es in der Tat genug an diesem Abend: das Künstlerduo aus badischem Komponisten /Texter (Philipp Lingenfelser) und schwäbischem Performer (Matthias Berger), aus Klavier und Gesang, aus Groß und Klein.  Dies sind allerdings nur die offensichtlichsten Gegensätze in dieser musikalischen Nummernrevue mit intelligenten Texten, alle aus der Feder von Philipp Lingenfelser. Dieser ist ein äußerst genauer Beobachter seiner Mitmenschen und seiner Umgebung und kommt in seinen Texten zunächst wie der freundliche Nachbarsjunge daher, der mit großer Freude und mit großen Augen seine Umgebung unheimlich wortreich beschreibt, lobt und lebendig werden lässt. So schmeichelt er seinen Sujets und seinen Figuren, robbt sich Vertrauen erheischend an sie heran, wiegt sie in Sicherheit, um dann plötzlich den Vorhang wegzureißen, die Fratze hinter dem freundlichen Lächeln, den Hundebiss hinter dem lieben Tier aufscheinen zu lassen.  Dabei spielt er mit großer Freude und Varianz mit der Sprache (etwa in dem Stück „enz“, in dem es nicht um den lokalen Fluss, sondern um Kompetenz, Flatulenz und Vehemenz geht) oder wenn er aus Archaismen („Wem ist der Mensch erbötig?“) einen komischen Effekt bezieht.

So bewegt sich die musikalische Reise zunächst durch die kleine Nahumgebung, vorbei an Haustieren, Musik, Blumen, Freunde, Glück, ehe im zweiten Teil Klimaschutz, Erfolg, Klickgesellschaft, alternde Gesellschaft in ihrer jeweiligen Doppelbödigkeit zum Thema gemacht werden. In Erinnerung bleiben etwa die Nummern „Blumenfrau“, die an ihrem Beruf leidet und zur „Blumenkerkersfrau“ mutiert oder der Titel „Ich habe Musik im Kopf“ vom kreativen Musiker, der die Musik liebt, aber auch unter ihr leidet. Die ewige deutsche Besserwisserei nimmt das Lied „Wären alle so wie wir“ aufs Korn. Unter die Haut geht die Nummer „Pflegeheim“, wo der Gegensatz zwischen Schein und Sein für alle greifbar wird. Philipp Lingenfelser beeindruckt hier besonders mit seiner variablen Tenorstimme, die sich an die verschiedensten Gemütslagen anpassen kann.

Matthias Berger gibt den ungehorsamen Widerpart zum Meister am Klavier, wenn er sich etwa in einem Titel beklagt, dass er immer alles gleich nachsingen muss, was der Meister komponiert hat, oder wenn er in einem anderen Lied jammert, dass Kritiker immer alles platt machen. Er mimt den eher lustigen Part, der nicht so stark an der Welt leidet wie sein klavierspielender Kollege. Er darf die Parodie auf den deutschen Männergesangverein vortragen, den sein Partner ja aus seiner eigenen Chorleitertätigkeit kennt. Auch muss Berger widerwillig einen Blues zu Gehör bringen, darf sich über die schwäbische Kehrwoche lustig machen und hat bei dem Titel „Mumienschubsen im Tanzcafé“ die Lacher auf seiner Seite.

Insgesamt ein vergnüglicher Abend mit Tiefgang und aufrüttelnden Zwischentönen – anspruchsvolles Kabarett eben fernab vom nervigen Comedy-Gedöns.  

Horst Immel