Kabarett mit Philipp Lingenfelser und Matthias Berger im Aschingerhaus

Mit ihrem Kabarettprogramm „Einmal Mit, Einmal Ohne: Musikalische Satiren“ waren Philipp Lingenfelser und Matthias Berger im Rahmen der Freitagskonzerte des Kulturdreiecks am 08.06. 2018 im gut besuchten Aschingerhaus in Oberderdingen zu Gast. Der Titel lässt eine Zweiteilung, Gegensätze, Varianten des gleichen Themas erwarten. Und Gegensätze gibt es in der Tat genug an diesem Abend: das Künstlerduo aus badischem Komponisten /Texter (Philipp Lingenfelser) und schwäbischem Performer (Matthias Berger), aus Klavier und Gesang, aus Groß und Klein.  Dies sind allerdings nur die offensichtlichsten Gegensätze in dieser musikalischen Nummernrevue mit intelligenten Texten, alle aus der Feder von Philipp Lingenfelser. Dieser ist ein äußerst genauer Beobachter seiner Mitmenschen und seiner Umgebung und kommt in seinen Texten zunächst wie der freundliche Nachbarsjunge daher, der mit großer Freude und mit großen Augen seine Umgebung unheimlich wortreich beschreibt, lobt und lebendig werden lässt. So schmeichelt er seinen Sujets und seinen Figuren, robbt sich Vertrauen erheischend an sie heran, wiegt sie in Sicherheit, um dann plötzlich den Vorhang wegzureißen, die Fratze hinter dem freundlichen Lächeln, den Hundebiss hinter dem lieben Tier aufscheinen zu lassen.  Dabei spielt er mit großer Freude und Varianz mit der Sprache (etwa in dem Stück „enz“, in dem es nicht um den lokalen Fluss, sondern um Kompetenz, Flatulenz und Vehemenz geht) oder wenn er aus Archaismen („Wem ist der Mensch erbötig?“) einen komischen Effekt bezieht.

So bewegt sich die musikalische Reise zunächst durch die kleine Nahumgebung, vorbei an Haustieren, Musik, Blumen, Freunde, Glück, ehe im zweiten Teil Klimaschutz, Erfolg, Klickgesellschaft, alternde Gesellschaft in ihrer jeweiligen Doppelbödigkeit zum Thema gemacht werden. In Erinnerung bleiben etwa die Nummern „Blumenfrau“, die an ihrem Beruf leidet und zur „Blumenkerkersfrau“ mutiert oder der Titel „Ich habe Musik im Kopf“ vom kreativen Musiker, der die Musik liebt, aber auch unter ihr leidet. Die ewige deutsche Besserwisserei nimmt das Lied „Wären alle so wie wir“ aufs Korn. Unter die Haut geht die Nummer „Pflegeheim“, wo der Gegensatz zwischen Schein und Sein für alle greifbar wird. Philipp Lingenfelser beeindruckt hier besonders mit seiner variablen Tenorstimme, die sich an die verschiedensten Gemütslagen anpassen kann.

Matthias Berger gibt den ungehorsamen Widerpart zum Meister am Klavier, wenn er sich etwa in einem Titel beklagt, dass er immer alles gleich nachsingen muss, was der Meister komponiert hat, oder wenn er in einem anderen Lied jammert, dass Kritiker immer alles platt machen. Er mimt den eher lustigen Part, der nicht so stark an der Welt leidet wie sein klavierspielender Kollege. Er darf die Parodie auf den deutschen Männergesangverein vortragen, den sein Partner ja aus seiner eigenen Chorleitertätigkeit kennt. Auch muss Berger widerwillig einen Blues zu Gehör bringen, darf sich über die schwäbische Kehrwoche lustig machen und hat bei dem Titel „Mumienschubsen im Tanzcafé“ die Lacher auf seiner Seite.

Insgesamt ein vergnüglicher Abend mit Tiefgang und aufrüttelnden Zwischentönen – anspruchsvolles Kabarett eben fernab vom nervigen Comedy-Gedöns.  

Horst Immel